Philosophie/Hegel

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Hegel im öffentlichen Bewußtsein

Hegel ist bekannt für seine "Ideen von den Ideen". Jede Idee ist eine These, der eine Antithese gegenübersteht. Durch die dialektische Vereinigung von These und Antithese ensteht die Synthese. Eine Umsetzung in der EDV ist eben diese Software, die es jedem erlaubt, seine Ideen einzugeben, und jedem, diese zu verfeinern, zu verallgemeinern.

Hegels Phänomenologie

I. Sinnliche Gewißheit

Zunächst einmal ist man sich sinnlicher Eindrücke einfach gewiß. Hegel nennt das Erfahrene „reines Dieses“, der Erfahrende, das Ich, spielt hier die Rolle des „reiner Dieser“. Die Wahrheit dieser sinnlichen Eindrücke begründet sich aus sich selbst heraus. Wahrheit ist für Hegel immer das Ganze.

Die Frage, die man sich an dieser Stelle einmal stellen sollte ist folgende: Sind das Andere und das Ich, das „Dieses“ und der „Dieser“, einfach da, als ontologische Konstanten etwa? Oder bedingen sie sich nicht vielmehr? Würde die erste Frage eine positive Beantwortung erhalten, dann wäre Hegels oben zitierter (vorläufiger) Schluß korrekt. Die Wahrheit wäre dann bloße Unmittelbarkeit. Es drängt sich jedoch ein anderer Schluß auf. Der „Dieser“, könnte er ohne den Gegenstand überhaupt existieren? Nein, denn er definiert sich gerade dadurch, daß er das Andere des Anderen ist. Er ist nicht der Gegenstand. Er ist vielmehr die Negation des Gegenstandes. So aber auch vom Gegenstand abhängig, durch diesen bedingt, oder wie Hegel sagt, vermittelt. Das Ich ist nur dadurch, daß es nicht der Gegenstand ist. Beim Gegenstand selber scheint es sich etwas anders zu verhalten. Zwar ist der Gegenstand durch mich als den sinnlich Erfahrenden in meiner Gewißheit. Aber er braucht es, um zu existieren, nicht notwendigerweise zu sein. Für das physische Dasein des Gegenstands ist es irrelevant, ob er von mir sinnlich erfahren wird oder nicht. Hegel nimmt nun wieder eine Rollenaufteilung vor. Hierbei wird das Ich, der „Dieser“, zum Unwesentlichen und Vermittelten, der Gegenstand, das „Dieses“ aber zum Wesen und Unmittelbaren. Letzterer erhebt sich damit zur Wahrheit, und das Ich ist bloß die Negation dieser Wahrheit.

Nun ist ein konkreterer Wahrheitsbegriff gewonnen: das Unmittelbare als die Wahrheit ist der Gegenstand. Aber stimmt das? Kann es dabei bleiben, daß der Gegenstand die Wahrheit sein soll? Nun muß das „Dieses“ analysiert werden, um zu spezifizieren, was es in Bezug auf unsere Fragestellung überhaupt erst einmal ist. Hegel setzt dafür zu einem kleinen Experiment an. Zunächst beginnt er in der zeitlichen Erfahrungssphäre. Er fordert den Leser der „Phänomenologie“ auf, zu beschreiben, was als Jetzt zu bezeichnen ist. Die Antwort könnte lauten: „Jetzt ist (es) 19:09 Uhr.“ Diese Feststellung merke man sich nun und wiederhole sie nach ein paar Stunden. Wenig verblüfft wird man feststellen müssen, daß „Jetzt“ nicht mehr 19:09 Uhr sondern etwa 23:30 Uhr ist. Die einstige Festellung hat damit an Gültigkeit verloren. Aktualisiert lautet sie: „Jetzt ist (es) 23:30 Uhr.“ Was sagt das über das Wort „Jetzt“ aus? Erst einmal beschreibt es ein zeitliches Erfahrungsmoment. Es verschwindet ebenso schnell, wie es ausgesprochen wird. Aber als Wort hat es auch eine Konservierungsfunktion. Zwar vergeht die Eigenschaft, die man mit „Jetzt“ verknüpft hat – etwa 19:09 Uhr zu sein. Was aber bleibt ist die linguistische Erhaltungsmöglichkeit dieses Zeitpunkts. Dies ist nun nicht so zu verstehen, als spräche ich mit Jetzt immer die Uhrzeit 19.09 Uhr aus. Sondern ich meine mit Jetzt Zeitpunkt überhaupt. Mit dem Laut „Jetzt“ spreche ich von etwas, das eigentlich keinen Bestand hat, wie von einer „festen Sache“. Hier passiert etwas seltsames. Hegel beschreibt das folgendermaßen:

  1. Zunächst behandelt der Sprecher Jetzt als Seiendes.
  2. Im Vergleich der beiden Uhrzeiten, muß die Frage, ob Jetzt immer noch Seiendes ist, verneint werden. Es ist ein Nichtseiendes.
  3. Es scheint diesem Wörtchen aber so ziemlich egal zu sein, ob es gerade 19:09 Uhr oder 23:30 Uhr ist. Es steht hartnäckig da wie ein Fels in der Brandung des Zeitflusses. Man kann dieses Wort getrost weiterbenutzen – es besitzt eine seltsame Art von Beständigkeit.

Worin liegt diese Beständigkeit? Die Antwort ist einfach: Es ist nie das, was damit gemeint ist – Negatives überhaupt, wie Hegel dazu sagt. Es existiert dadurch, daß es immer das nicht ist, was mit ihm gerade bezeichnet wird. Ebensowohl läßt es sich verwenden, um etwa Uhrzeiten zu benennen. Es ist weder Seiendes noch Nichtseiendes. Das erinnert an das Ich im Verhältnis zum Gegenstand – nur dadurch existierend, daß es die Negation des Gegenstandes ist. Daher wurde es auch als Vermitteltes bezeichnet. In diesem Sinne ist auch das Jetzt ein Vermitteltes. Darauf aufbauend kommt Hegel zu einer der wichtigsten Definitionen im Kapitel „Sinnliche Gewißheit“: „Ein solches Einfaches, das durch Negation ist, weder dieses noch jenes, (also) ein nicht dieses, und ebenso gleichgültig auch jenes wie dieses..., nennen wir ein Allgemeines. Das Allgemeine ist... das Wahre der sinnlichen Gewißheit.“ Ich wiederhole daher die Frage vom Anfang dieses Abschnittes: Kann es dabei bleiben, daß der Gegenstand die Wahrheit sein soll? Da vom Gegenstand gesagt wurde, daß er das Unmittelbare ist, muß die Antwort negativ ausfallen. Nein, der Gegenstand ist nicht die Wahrheit.

Noch eine Frage drängt sich hier auf: Ist der Gegenstand tatsächlich das Unmittelbare? Zieht man die Erfahrung heran, die mit Jetzt gemacht wurde, daß nämlich Bezeichnendes und Bezeichnetes – Sprache und Wirklichkeit – ein Verhältnis gegenseitiger Negation zueinander haben, und berücksichtigt man die daraus folgende Konsequenz, daß die linguistische Ebene sozusagen das Reich des Allgemeinen ist, die Realitätsebene aber keinerlei Festigkeit besitzt, so ergibt sich, daß der „Gegenstand“ nicht unmittelbar ist. Man könnte nun ein allgemeines Gesetz aufstellen, das da lautet: „Was du aussprichst, ist schon vermittelt.“ Unmittelbarkeit gibt es also nur auf einer prälinguistischen Ebene. Aber auf einer solchen gibt es eben gar nichts... Hegel drückt es meisterhaft aus: „Die Sprache aber ist... das Wahrhaftere; in ihr widerlegen wir selbst unmittelbar unsere Meinung, und da das Allgemeine das Wahre der sinnlichen Gewißheit ist, und die Sprache nur dieses Wahre ausdrückt, so ist es gar nicht möglich, daß wir ein sinnliches Sein, das wir meinen, je sagen können.“

Was ist denn nun die Wahrheit, um die es bei der sinnlichen Gewißheit geht? Daß es das Allgemeine ist, wurde Hegel oben schon aus dem Munde genommen. Aber welches Verhältnis hat die sinnliche Gewißheit zum Allgemeinen? Wenn das Allgemeine das Vermittelte ist, was ist dann die sinnliche Gewißheit? Ja was gibt es denn noch außer dem Vermittelten? Doch nur das Unmittelbare. Die sinnliche Gewißheit enthält in sich diese ganze Bewegung, ausgehend von der Erfahrung der Unmittelbarkeit über ihre Negation bis hin zu ihrer „Transzendierung“ zum Allgemeinen, der Negation der Negation. Was übrig bleibt, ist diese ganze Bewegung als unmittelbare Erfahrung. Die sinnliche Gewißheit ist sich selbst ihre Wahrheit, für sich selbst das Unmittelbare! Da sich aber herausgestellt hat, daß nicht das Unmittelbare, sondern das Allgemeine die Wahrheit ist, muß die sinnliche Gewißheit als Standpunkt des Bewußtseins in sich zusammenstürzen. Das Bewußtsein versucht nun in einem neuen Anlauf der Wahrheit gerecht zu werden. Es tritt ein in die Wahrnehmung.